Das Lichtfest

Hervorgehoben

…ist ein traditionelles Event in Leipzig, und zwar immer am 09. Oktober.

Anlass hierfür ist der Jahrestag des markantesten Zugs einer friedlichen Demonstration am 09.Oktober 1989, gegen das DDR-Regime und für eine freie Demokratie.

Der 09. Oktober ist in diesem Jahr ein Montag. Zu einer gewissen, glücklicherweise sehr kurzen Zeit, machte sich eine kleine Schwestergruppe der rechten Demonstrationszüge von Pegida (wegen Leipzig als Standort Legida genannt) den Montag zum festen Termin und nach der ersten Montagsdemo am 12.01.2015 meldete man Montagsdemonstrationen für alle Montage innerhalb der nächsten sechs Monate an, es sollte jeweils um den Ring gelaufen werden, der Zug schmückte sich mit dem Ruf, „Wir sind das Volk“.

An all diesen Dingen ist so viel falsch, wenn ich die Narrative der Geschichte meiner Eltern und die der hier in Leipzig ansässigen Gleichaltrigen anschaue. Der Begriff Montagsdemo und der Ruf, „Wir sind das Volk“ gehören unmittelbar zueinander und auch zu Leipzigs Geschichte, aber eben in die sogenannte Friedliche Revolution von 1989, die nun auch im Beinamen des zentral gelegenen Wilhelm-Leuschner-Platzes zu finden ist.
Leuschner seinerseits war sozialdemokratischer Gewerkschafter, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ab 1934 beteiligt war und am 29.09.1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Der Platz vereint also zwei sehr wichtige Teile der Deutschen Geschichte miteinander und soll an den (gezwungenermaßen?) friedlichen Charakter der letzten Revolution in dieser Stadt erinnern.

Legida hat es nicht weit gebracht, die Gegendemonstranten waren zu offensichtlich in der Überzahl. Während der Oberbürgermeister Burkard Jung und auch die Hochschulrektoren aller Leipziger Hochschulen stets dazu aufriefen, sich am Gegenprotest gegen Geschichtsvergessene und ängstliche Bürger zu stellen, die einem gefährlichen Ruf einer anti-demokratischen Bewegung folgten, ohne diese zu hinterfragen, zeigten die Leipziger einmal mehr, dass in dieser Stadt kein Platz für Rassismus und Menschenfeindlichkeit ist. Der Geist von 1989 schien noch (oder wieder) über der Stadt aufzuerstehen und sich in den Gedächtnissen zu regen, trotz der überschriebenen Konnotation der Parolen und Zeitpunkte der Demos. Schnell wurden die Versammlungen der pöbelnden schwarzen Truppe kleiner, nicht zuletzt wurde ein immer größeres Polizei-Aufgebot angefordert, und dennoch blieben die Proteste nicht ganz friedlich.
Zum Zeitpunkt der ersten Demos von Legida waren nicht einmal 25 Jahre vergangen, in denen Menschen nun die freie demokratische Wahl genossen. 25 weitere Jahre, in denen auf Deutschem Boden kein Krieg herrschte, in dem das Land eine große Wende (DIE Wende) durchmachte und versuchte, zu heilen, zu verzeihen und die Wunden zu flicken, die die Teilung über 40 Jahre zuvor aufgerissen und teils offen und eitrig zurück gelassen hatten. Die Deutsche Geschichte ist mit Sicherheit nicht einfach und ich sage das aus dem bequemen Umfeld meiner Endzwanziger-Generation heraus. Als die Mauer fiel, war ich noch nicht geboren, zur Wiedervereinigung konnte ich gerade mal stehen.

Meine Eltern und viele ihrer Mitstreiter hatten sich mehr oder weniger aktiv, aber sehr effektiv dafür eingesetzt, auch in der ehemaligen DDR wieder frei(er) wählen zu dürfen, wieder zu einem Land zu werden. Indirekt versprach man meiner Generation Frieden und ein „einig Vaterland“, ein einziges Deutschland, in dem es keine Grenze mehr geben sollte.

Nun bin ich in einer Welt aufgewachsen, in der von „Ossis“ und „Wessis“ die Rede war, in der die Grenze so intensiv und nachhaltig lebte, auch wenn sie offiziell nicht mehr als Zaun, Sperrstreifen und Mauer sichtbar war. Meine Kindheit und Jugend hätten doch im Prinzip ein Heilungsprozess sein sollen, ein Prozess, in dem man mit Geduld und Nachsicht aufeinander zugehen und sich helfen sollte. So zumindest stellte ich es mir lange vor.

Viele Menschen in der ehemaligen DDR waren wohl geprägt vom allgemeinen Misstrauen, von der beschnittenen Meinung, von der Angst vor lautem, freien Denken.

Ich kann es ihnen nicht verübeln, alle Berichte aus der Zeit, besonders kurz vor der Wende, erschrecken mich, und jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die Einblicke in die Angst, die damals für viele so real und jederzeit präsent war, lassen mich umso mehr dafür werben, dass dies nie wieder passiert.
Wir Kriegsenkel, wir DDR-Nachkommen, haben doch ebenso die Pflicht, nicht nur Traditionen wie das Lichtfest in Leipzig als Zeichen der gelebten und gewollten Demokratie zu begehen, sondern, vielmehr noch, uns aktiv daran zu beteiligen, das Recht auf Freiheit, für das unsere Elterngeneration einstand, zu verteidigen.
Uns wurde eine Freiheit geschenkt, von denen unsere Eltern ihrerzeit nur träumen konnten, dennoch dürfen wir uns darauf sicher nicht ausruhen, sondern sollten es uns zur Aufgabe machen, daran zu erinnern, dass diese Freiheit, und diese Demokratie, keine Selbstverständlichkeit sind. Wir müssen uns die Freiheit nicht erstreiten, nicht erkämpfen – aber von allein wird sie sich nicht erhalten. Wie Adam Krzemiński heute Abend in seiner Rede zum Lichtfest meinte, ist es unsere Aufgabe (die der jungen Generation), dieses Gut zu erhalten, denn wir laufen sonst Gefahr, diese Freiheit leichtfertig zu verspielen.

Nein, es läuft nicht alles glatt in diesem Land, und auch mich hat die letzte Wahl erschüttert. Dennoch mahnt uns die Geschichte, den Staffelstab unserer Eltern in die Hand zu nehmen; sie haben ihre Revolution, ihren Kampf gefochten, nun sind wir an der Reihe, für ein besseres Morgen zu sorgen. Wir sind es nun, die in der Pflicht stehen, unseren demokratischen Willen zu erhalten, eine freie Meinungsäußerung, eine Vielfalt der Medien, die heute auch mehrfach angesprochen wurde, zu erhalten und uns nicht aus Ärger einem Haufen von Menschen anzuschließen, die unter dem Deckmantel des Protests (den sie übrigens, entgegen ihren eigenen Behauptungen, frei ausüben dürfen!) andere Parolen schwingen, andere Narrative (über)schreiben wollen, Begriffe positiv besetzen wollen, die eindeutig an den Nazi-Sprech und das wohl dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte erinnern.

Mir fiel trotz der warmen Kerzenschein-Stimmung auf dem Augustuplatz auf, wie einseitg, akademisch-gebildet der Abend daher kam. Eine geistige Elite (?) machte sich daran, den Abend kulturell zu gestalten, hier und da wurde betont, wie wichtig der Journalismus ist, wie frei er sein muss und kann, und worauf wir uns vielleicht noch verlassen können, wenn wir die frei verfügbaren Medien nutzen. Ich frage mich deshalb, ob nicht gerade jene außen vor gelassen wurden, die diese Worte dringend benötigt hätten, um weniger Angst zu haben. Erreichen wir vielleicht mit unserer Überzeugung dennoch den ein oder anderen, der noch immer Angst hat? Haben wir vielleicht vergessen, wie wir miteinander sprechen können? Macht es noch etwas aus, Ossi oder Wessi zu sein? Nimmt uns die akademische Bildung den Bezug zu der Welt, in der es diese Art von Angst gibt?

Für mich ist die letzte Frage besonders wichtig, denn allzu oft finde ich mich in einem erschreckend klaren Gespräch wieder, in dem ich merke, wie monoton meine Filterblase geworden ist. Ich stamme aus einem kritischen, akademischen Elternhaus, die Großeltern nicht minder gebildet und erst recht nicht weniger kritisch. Für mich war eine andere Welt nie denkbar, mein Hintergrund hat mich an der Uni aufleben und heimisch werden lassen, aber bisweilen verliere ich den Bezug. Deshalb bin ich froh, dass mir dies bewusst wurde und seit ich mir meine eigenen Ängste endlich besser erklären kann, gelingt es mir auch ab und zu, hinter die Fassade der Angst in diesem Volk zu schauen, das sich gern als solches bezeichnet. „Die Angst vor dem Unbekannten“ würde ich es nennen, wenn ich bedenke, wie wenige „Nicht-Deutsche“ in jenen Gebieten leben, auf die mit dem Finger gezeigt wurde nach der Wahl.
„Ihr Ossis“ habt die AfD gewählt.
Nein, habe ich nicht.
Ja, ich lebe in Sachsen, und ich lebe gern hier.
Ich war stolz, zu dem kleinen (wirklich winzigen) Wahlkreis zu gehören, der knallrot in ganz Sachsen hervorstach.

Dennoch ist der Rest des Bundeslandes eindeutig konservativ geprägt. Auch wenn wir eine freie Wahl haben und erstaunlich viele Parteien zur Bundestagswahl aufgestellt waren, haben sich die meisten Wählerstimmen auf 6 (bzw 7) Parteien verteilt. Eine Demokratie muss das aushalten können, dass ein Teil der Bevölkerung (von denen übrigens 2/3 in den alten Bundesländern leben!) die Wahl nutzte, um „Denkzettel [zu] verpassen“, „aus Protest [zu] wählen“, oder „mal richtig auf[zu]räumen“. Viele der Wähler der AfD wussten wohl wenig über das Parteiprogramm, schloss ich zumindest aus den wenigen Gesprächen mit offenkundigen Wählern dieser Partei.

Die Ängste der Menschen sind soweit verständlich, als dass es eben wirklich nicht ganz glatt läuft in diesem Land, in dem die Gesundheit der Menschen an die Autoindustrie verkauft wird, Massentierhaltung und Großbetriebe in der Landwirtschaft besser subventioniert werden als nachhaltige Agrarkultur und Kitaplätze genauso Mangelware sind, wie vernünftige Löhne, die einer Familie ein vom Sozialstaat unabhängiges Leben ermöglichen, ohne Existenzangst. Ohne Job kein Betreuungsplatz, ohne Betreuungsplatz kein Job – haben Familien wirklich von vornherein verloren? Kommt man aus seinem Bildungsumfeld überhaupt heraus? Einmal Hartz IV, immer Hartz IV?!
Müssen sich Menschen aufgrund der Reformen in der Gesundheitspolitik und der katastrophalen Lage sämtlicher Schulen (bautechnisch, wie auch beim Personalmangel) und in den sozialen Berufen nicht direkt gegen Kinder und/oder die Pflege im Alter entscheiden?! Wird Gesundheit, vielmehr auch Menschlichkeit, künftig teuer verkauft und damit nur noch der Elite zugänglich sein?

Nein, es läuft nicht alles glatt und es ist viel zu tun. Aber die hellblaue Partei bietet keine Lösungen, sondern nur vorgedruckte Wutausbrüche, Talkshowabgänge und inszenierte Parteiaustritte.
Sie sind keine Alternative.
Sie haben nicht den Menschen im Sinn, viel weniger noch, denn sie werben für die soziale und ökonomische Ausgrenzung ohnehin schon benachteiligter und/oder diskrimminierter Gruppen, wie Homosexueller, „Ausländer“ und Alleinerziehender. Sie wollen kein soziales System, sie sind wie gemacht für rassistisch geprägte Großunternehmer und Menschen, die ohnehin schon viel Geld haben.
Sie dienen nicht dem Volk.
Im Gegenzug zu anderen Parteien würden sie die Freiheiten der hiesigen Gesellschaft also nicht erhalten, sondern einschränken, wollen die Gruppen gegeneinander aufbringen und den Charakter der Demokratie, des gemeinsamen, menschlichen Miteinanders, vergiften.

Wie ich heute gesehen habe, gibt es viele Menschen in Leipzig, und auch viele Gäste, die nicht vergessen wollen und werden, dass eine große Menschenmenge heute Abend abermals zusammenkam, um der Demokratie ein vielfältiges Gesicht zu geben. Wir stehen ein für den Frieden in diesem Land; wir wollen kein Zurück. Wir wollen nach vorn schauen, ein Zeichen setzen und eine Kerze entzünden – wir machen Licht im Dunkel und wir schützen uns vor einer Angst, die größer ist und weiter geht, als unser Blick. Wir zünden ein Licht an und stehen füreinander ein.

Wir sind die Demokratie. Wir sind Leipzig. Wir machen Licht.

 

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